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2. Das partizipative Museum

Februar 3rd, 2016 Posted by Museums-Skizze No Comment yet

Partizipation in Stadtmuseen heute

Stadtmuseen gehen meist auf Initiativen engagierter Bürger zurück, die in der Regel aus einem kleinen, geschlossenen Kreisen bestehen, z.B. in Form eines Fördervereins in Kooperation mit einer Museumsleitung. [1]

So entwickelte Museen kuratieren meist wenig veränderliche Dauerausstellungen, teilweise nebst Sonderausstellungen, aus dem Dunstkreis einer einmal festgelegten Gruppe, welche die Ausstellungsformate subjektiv als gesellschaftlich relevant ansieht – die tatsächlich aber nicht unbedingt widerspiegeln, was die Bewohner als relevant empfinden.

Beteiligungsmöglichkeiten der Museumsbesucher – unter dem Stichwort Partizipation gekennzeichnet – werden in der museologischen Debatte verstärkt seit den 1990er Jahren beschrieben [2] und zum Teil auch bereits in Neugestaltungsmaßnahmen größerer kulturhistorischer Museen in unterschiedlicher Form umgesetzt (Historisches Museum Frankfurt, Stadtmuseum Stuttgart, etc.).

Und obwohl – oder gerade weil – der Begriff seit Jahrzehnten durch museologische Debatten geistert, gibt es mittlerweile zwar zahlreiche partizipative Mitmachangebote für Besucher, doch haben diese Angebote den Begriff der Partizipation auch zu einer leeren Phrase verkommen lassen, ohne das inhärente Potential voll ausgeschöpft zu haben. Christian Hirte analysiert entsprechend:

»Den Besucher als musealen Pfadfinder zu akzeptieren heißt jedoch, ihn in einer ihm spezifischen Kompetenz ernst zu nehmen, ihm auf Augenhöhe zu begegnen, ihn als konstitutives und autonomes Element des Systems Museums zu akzeptieren. In der Praxis sind wir davon weit entfernt.« [3]

Grundsätzlich gibt es verschiedene Abstufungen von Partizipation, also Möglich­keiten, wie man die Bevölkerung involvieren kann:

  1. Die Bevölkerung kann anhand von Mitmachstationen in einer bestehenden Ausstellung aktiv werden.
  2. Die Bewohner werden aufgefordert, sich als Laien-und/oder Dialogführer in eine bestehende Ausstellung einzubringen.
  3. Bereits im Vorfeld einer von der Leitung angedachten Ausstellung wird ein bestimmter Teil der Bevölkerung dazu aufgefordert, sich innerhalb eines klar vorgegebenen Rahmens über einen begrenzten Zeitraum hinweg einzubringen (z.B. sucht man für eine Ausstellung über das Älterwerden Senioren für Laienführungen über 70 Jahre).
  4. Im Vorfeld einer bereits angedachten Ausstellung wird jede(r) Bewohner(in) dazu aufgefordert, sich in einem klar vorgegebenem Rahmen über einen begrenzten Zeitraum
  5. In Kooperation mit der Museumsleitung ist die Bevölkerung als gleichberechtigter Partner dazu aufgerufen, gemeinsam mit dem Fachpersonal Ausstellungen aktiv mit zu konzeptionieren und zu begleiten, wobei die Punkte 1 und 2 in die späteren Ausstellungen integriert werden können, um auch jene Bürger zu erreichen, die sich nicht konzeptionell einbringen möchten. [4]

Die Beispiele 1-4 sind eingeschränkt partizipative Ansätze, in denen die Bevölkerung nur in einem klar begrenzten Rahmen seitens der Leitung mitmachen, aber nicht wahrhaftig mitgestalten kann. Ein Museum, das wirklich auf die Akzeptanz in der Bevölkerung setzt und diese ernst nimmt, wird auf die Belange und Wünsche der Bewohner allerdings bereits in der Konzeptionsphase Rücksicht nehmen und – mehr noch – diese suchen müssen.

Zentrales Anliegen eines neuartigen Museumsansatzes für Kleinmachnow sollte sein, durch die Einbindung der Bewohner bereits im Vorfeld einer jeden Ausstellungs­konzeption jene Themen zu Tage zu fördern, die im Ort brodeln bzw. virulent in der Luft liegen. Es wäre wünschenswert, die Partizipation – und damit die Rolle der Bevölkerung  – sowohl im Leitbild als auch im Museumskonzept fest zu verankern. [5]

Das Museum versteht sich damit als Verhandlungsort lokaler Identität, an dem jede(r) mitwirken kann (und soll!) und sein/ihr »Expertenwissen« für den eigenen Ort ausdrücklich erwünscht ist. Ein ähnliches Verständnis liegt der Wikipedia als Enzyklopädie der Gegenwart zugrunde, bei der jede(r) Einzelne als Experte wahr­genommen wird und aktiv an der öffentlichen Verhandlung von Bedeutungen teilnehmen kann. [6]

Im Gegensatz zum Verständnis der so genannten Alten Museologie mit ihrer Objekt­zentrierung bietet ein partizipatives Museum die Möglichkeit, Bürgerbeteiligung nicht mehr nur zu simulieren, sondern bürgerliche Intervention tatsächlich ernst zu nehmen und zu leben.  Ob und wie sich die Bürger einbringen, wird aber nicht zuletzt davon abhängen, wie die Museumsleitung den Dialog öffnet und verankert. Es bedarf einer Museumsleitung, die unterschiedliche Ideen und Interessen bündelt, lenkt und vermittelt, dem Reproduzieren von dominanten Erzählweisen im Verständnis EINES Geschichtsverständnisses jedoch entgegenwirkt, indem sie die Museumsarbeit demokratisch nach außen öffnet.


Partizipation in Kleinmachnow


In Kleinmachnow hat sich eine stetig wachsende Gruppe von Leuten zusammen­gefunden, die in der Entwicklung eines partizipativen Museums eine Chance sieht und sich in Form einer Museumsinitiative für ein solches Museum engagiert. Ausschlaggebend hierfür war das von der Gemeinde in Auftrag gegebene Rahmen­konzept Dr. Christian Hirtes, das am 09.06.2015 im Ausschuss für Schule, Kultur und Soziales (KuSo) öffentlich vorgestellt wurde. [7]

Bei den Teilnehmern der Museumsinitiative handelt sich um Privatpersonen sowie Mitglieder verschiedener kultureller Institutionen des Ortes. In der aktuellen Forschung findet sich für eine derartige Gruppierung die Bezeichnung glocal community:

»Mit dem Begriff der glocal community meinen wir die Personen, Gruppen und Organisationen im Einzugsbereich eines stadthistorischen Museums, die im Austausch oder Diskurs mit dem Museum stehen bzw. – aus der Perspektive des Museums – idealerweise stehen sollten, und zwar unab­hängig von sozialen Kategorien, Bildung, ethnischer, religiöser Zuordnung, Migrationshintergrund, Geschlecht oder sexueller Orientierung, körper­lichen und geistigen Fähigkeiten.« [8]

Gemeinsam hat diese Museumsinitiative innerhalb kurzer Zeit Ideen und Vorschläge für ein innovatives Museumskonzept diskutiert und über Gemeinde sowie Museums­verband Brandenburg hinaus entsprechendes Interesse geweckt. Sie begreift ein Museum als Kommunikationsplattform und Speichergedächtnis lokaler Identität, [9] das auf das Einbeziehen regionaler Gemeinschaften in die museale Entwicklungs­strategie setzt. Sie repräsentiert damit jene Einwohnerschaft, die vom passiven Rezipienten zum lokalen Akteur wird und von einem partizipativ sowie selbst­-reflexiv arbeitenden Museum unbedingt benötigt wird.

In Hinblick auf die eingangs erwähnten unterschiedlichen Stufen von Partizipation hat sich die Initiative für eine vollumfängliche Partizipation ausgesprochen. Die Mitgestaltungsmöglichkeiten der Bevölkerung sollten also idealerweise bereits im Museumsleitbild verankert sein. [10]

Partizipation soll sich aber nicht nur auf die Konzeption beziehen, sondern auch auf die Ausstellung(en) selbst, da die Frage ist, wie man auch jene Besucher erreicht, die sich zwar nicht konzeptionell einbringen wollen, die spätere(n) Ausstellung(en) je-doch besuchen. Die Bandbreite der Möglichkeiten reicht von Mit-Mach-Stationen und Hands-on-Elementen, die bestimmte Sachverhalte simulieren und erfahrbar machen können, bis hin zu von den Besuchern selbst generierten Ausstellungsinhalten.


Konzeptioneller partizipativer Ansatz


Ein Konzept für ein Museum, das auf die Partizipation der Bevölkerung setzt, erfordert auch eine neue Form des Ausstellungsmachens. Ein inhaltliches Konzept kann nicht mehr allein durch die Museumsleitung erfolgen – im Gegenteil: es kann und soll unter Beteiligung der Bevölkerung entstehen.

Insofern versteht sich auch dieser Konzeptvorschlag als ein Diskussionsangebot mit der Aufforderung an eine(n) JEDE(N), sich einzubringen. Ziel dieses Papiers ist, einen Rahmen zu bieten, Denkanstöße zu liefern und zur aktiven Mitgestaltung zu motivieren.

Auch der Kern des späteren Museumskonzepts sollte in einer bewussten Offenheit liegen und das grundsätzliche Anliegen transportieren: den Gestaltungprozess einer jeden Ausstellung durch die Bürger in Kooperation mit dem Fachpersonal fern einer hinter verschlossen Türen festgelegten Struktur – stets mit offenem Ausgang, aber jederzeit mit dem größtmöglichen Potential.

Partizipative Ausstellungsformate müssen dabei auch nicht auf die Räumlichkeiten des Museums beschränkt bleiben. Ebenso lassen sich andere Örtlichkeiten »bespielen«, was wiederum impliziert, dass es sich auch nicht unbedingt um klassische Ausstellungs­­­­formate handeln muss, sondern um kulturelle Aktionen jeglicher Art. Das Museum selbst ist damit weit mehr als nur Lagerraum oder Ausstellungsfläche – es wird im besten Falle zu einem zentralen Dreh- und Angelpunkt, an dem man sich trifft und von dem aus geplant, koordiniert und organisiert wird.

Für eine Akzeptanz des Museums bereits im Vorfeld der Gründung sollten die poten­ziellen Besucher möglichst schon lange vor der eigentlichen Museums­einweihung involviert werden. Denkbar wären beispielsweise Formate wie eine temporäre Ausstellung ähnlich der, welche die Kuratorin Alexis Hyman Wolff  in Bernau initiiert hat, indem sie Einwohner der Stadt einlud, persön­liche Gegenstände für einen bestimmten Zeitraum in einen neu geschaffenen musealen Kontext einzubringen. [11]

Für Kleinmachnow wäre eine derartige Aktion vor allem auch vor dem Hintergrund sinnvoll, die Relevanz eines offenen und auf die Mitgestaltung der Bevölkerung setzenden Museums zu bestärken.

Entscheidend wäre hierbei die Rückgabe der Objekte nach Ausstellungsende. Sobald die Gegenstände in ihr ursprüngliches Ambiente zurückgeführt werden, erhalten sie für ihre Besitzer eine zusätzliche Bedeutung, die mit ihrer musealen Leihgeberschaft einhergeht. Der Kurzbesuch im Museumsraum bringt in Folge das Museum auch zu den Bewohnern nach Hause und verstärkt die Identifikation mit dem Museum. Eine Dokumentation verhindert das Verschwinden der Aktion im Niemandsland.

(c) 2016 | Sandra Oppmann

 


[1] Kretschmann, S. 242.

[2] Krüger, S. 159.

[3] Hirte 2012, S. 288.

[4] Jank, S. 147 f.

[5] Das Museumskonzept dient der Qualitätssicherheit eines Museums und setzt den Zweck und Auftrag des Museumsleitbildes eines bereits bestehenden Museums um. vgl.

http://www.museumsbund.de/fileadmin/geschaefts/dokumente/Leitfaeden_und_anderes/LeitfadenMuseumskonzept_2011.pdf.

[6] Ackermann, S. 55.

[7] Hirte, Christian, Ein Kleinmachnow-Museum: Wenn ja, wozu, wie und wo?, Konzeptionelle Überlegungen im Auftrag der Gemeinde Kleinmachnow, Berlin/Kleinmachnow 2015.

[8] Zit. nach Bluche/ Miera, S. 300.

[9] Pyzio, S. 252.

[10] Vgl. Protokoll vom 21.09.2015.

[11] Alexis Hyman Wolff, Jenseits der Gegenstände, Ein Museum im Kantorhaus, 14.09.-7.11.2014 in Bernau. Vorgestellt bei der Herbsttagung des Museumsverbandes Brandenburg in Potsdam am 25.09.2015.

Ein ausführliches Literaturverzechnis finden Sie unter diesem Link: Literaturverzeichnis

Den vollständigen Text des Diskussionspapiers finden sie hier: Museum_im_Anbruch

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