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4. Ausstellungs- und Sammlungs-Konzeption

Februar 1st, 2016 Posted by Museums-Skizze No Comment yet

Dauerausstellungen, wechselnde Sonderausstellungen, Aktionen?

Geschichte ist permanent im Wandel. Dauerausstellungen stellen bestimmte historische Begebenheiten als gegeben hin und repräsentieren damit eine abgeschlossene Beschäfti­gung mit einem Thema, was einen weiteren Diskurs stark einengt. Für partizipatorische Projekte eignen sie sich daher nur begrenzt.

Es gibt zwar Beispiele für Bürgerbeteiligung in Dauerausstellungen, wie etwa im Museum of Liverpool [1] oder Neuruppin [2], allerdings zeigen diese Beispiele auch, dass die Bevölkerung nach Fertigstellung der partizipativ erdachten festen Dauerausstellung kein großes Interesse mehr daran zeigte, sich lang­fristig weiter einzubringen. [3] Von daher entspricht ein Denken in Wechselausstellung bzw. konkreten Aktionen zu einzelnen Themen eher einem partizipativen Ansatz.


Schaudepot


In den Diskussionen der Treffen der Museumsinitiative [4] über Dauerausstellungen, Sonderausstellungen oder Aktionen wurde deutlich, dass trotz Vorbehalten gegenüber Dauerausstellungen in einem partizipativen Museum natürlich dennoch ein Bedarf besteht, Dinge zu  bewahren sowie die einzelnen Aktionen/ Sonderausstellungen zu dokumentieren und diese Dokumentationen der Öffentlichkeit zugänglich zu halten. Ein möglicher Lösungsansatz, dem Rechnung zu tragen wäre ein Schaudepot.

In Schaudepots werden Exponate aus der Museumssammlung thematisch geordnet dargestellt. Entgegen einer Dauerausstellung, die langfristig vorbereitet und szeno­grafisch durchdacht wird, ist man bei einem Schaudepot flexibler: Die Bewohner könnten beispielsweise dazu eingeladen werden, sich aus dem Museumsdepot ein Lieblingsobjekt auszusuchen, das für eine bestimmte Zeit mit einer selbst gefertigten Erklärung ebenda ausgestellt wird. So sammelt man über die Zeit hinweg subjektive Ansichten/ Erkenntnisse über einzelne Objekte und erkennt zudem, welche Bevölkerungsgruppen sich für welche Themenkreise interessieren. Hierdurch erreicht man einen direkteren Bezug zwischen Geschichts-Fundstück und Publikum und damit einen weit größeren Gegenwartsbezug ansonsten lediglich verwahrter Gegenstände. Denn partizipative Museumsarbeit ist vor allem auch dieses: die Besucher und ihre Wünsche und Anliegen im Blick zu behalten.

Ein derartiges Schaudepot kann in ein Museumsgebäude integriert werden, ist aller­dings ebenso in Form eines Außenarchivs denkbar. Letzteres hätte den Vorteil, insbesondere bei kleineren Häusern, dass das Lager nicht zulasten von Büro- und Ausstellungsfläche geht und außerdem neue Möglichkeiten der Bespielbarkeit öffnet.


Sammlungsaufbau


Ein diskursives Museum stellt andere Anforderungen an ein Sammlungskonzept als ein klassisches Stadt- oder Heimatmuseum mit Fokus auf einer durch Exponate geprägten Dauerausstellung. In einem partizipativen Museum geht es um das Agieren der Menschen, deren Konzepte und Handlungen die Ausstellungen erst evozieren. Zusätzlich zur klassischen Sammlungstätigkeit wird man Aktionen verstärkt medial begleiten und archivieren müssen.

Auch ein erster Aufruf zum Sammlungsaufbau ließe sich im Rahmen einer Aktion vollziehen. Zum Beispiel im Sinne einer Auktion, bei der Bürger Objekte, die ihnen museumswürdig erscheinen, anbieten und Vertreter des Museums ebenso wie engagierte Bürger als potentielle Käufer zuschlagen können – um die so ersteiger­ten Objekte ebenso wie die Erlöse anschließend dem Museum zu stiften.

Eine solche Aktion würde sich auf mehreren Ebenen positiv auswirken: So ließe sich publikumswirksam in einem öffentlichen Dialog über den Museumswert
eines Exponats beratschlagen. Wenngleich die rechtliche Übernahme erst später vollständig vollzogen werden kann, bietet man der Öffentlichkeit bei einer sich ansonsten im Stillen abspielenden museologischen Tätigkeit bereits von Anfang an die Möglichkeit der Einbindung. Gleichzeitig würde die persönliche Identifikation mit dem Museum gestärkt, da die Menschen durch ihre Zustiftungen selbst etwas zum Museum beitragen sowie auf Wunsch auch namentlich mit dem Museum verbunden werden können. Und nicht zuletzt könnte man so den Grundstock für eine Sammlung legen, die zugleich den persönlichen Kontext der Objekte transportiert.

Museale Exponate haben eine doppelte Funktion: Zum Einen repräsentieren sie vergangene Geschichte, zum Anderen produzieren sie aber auch bestimmte individuelle Sichtweisen auf die Geschichte. [5] Während in der Alten Museologie die Konzentration auf die Repräsentation von Exponaten im Sinne des Informations­transports gerichtet ist, liegt in einem partizipativen Konzept der Fokus auf dem subjektiven Verständnis und Erleben des Einzelnen, was jedoch keineswegs den Verzicht auf Exponate bedeutet, im Gegenteil: ein innovatives Museumskonzept darf nicht den Fehler machen, bei aller Aufmerksamkeit auf den Menschen dasjenige aus den Augen zu verlieren, was für viele nach wie vor einen musealen Kulminationspunkt ausmacht: die Begegnung mit Objekten, die von sich aus noch sprechen dürfen. [6]

(c) 2016 | Sandra Oppmann

 


[1] vgl. Rodgers, S. 57.
[2] vgl. Pyzio, S. 261.
[3] Gorgus, 113.
[4] Dies wurde besonders deutlich beim 3. Treffen der Initiative am 21.09.2015.
[5] Thiemeyer, S. 46.
[6] ders., S. 46 und S. 53.

Ein ausführliches Literaturverzechnis finden Sie unter diesem Link: Literaturverzeichnis

Den vollständigen Text des Diskussionspapiers finden sie hier: Museum_im_Anbruch

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